Dichtheitsprüfung an Abwasserleitungen: Die richtigen Verfahren und Fristen für Hausbesitzer
14 Jan
von Antoinette Adam 0 Kommentare

Wenn Sie ein Haus besitzen, das älter als 1970 ist, könnte eine Dichtheitsprüfung bald Ihre Aufmerksamkeit erfordern. Nicht weil es dringend nötig ist - sondern weil es immer häufiger zur Voraussetzung wird, wenn Sie verkaufen, sanieren oder einfach nur sicherstellen wollen, dass Ihr Grundstück nicht unbemerkt die Umwelt belastet. Viele Hausbesitzer wissen nicht, dass Abwasserleitungen unter der Erde undicht werden können - und dass das nicht nur teuer, sondern auch rechtlich riskant ist.

Warum ist eine Dichtheitsprüfung überhaupt nötig?

Abwasserleitungen aus Beton, Steinzeug oder altem Gusseisen werden mit der Zeit porös. Risse, versetzte Fugen oder Wurzeldruck lassen Abwasser in den Boden sickern - oder Grundwasser in die Leitung eindringen. Beides ist schlecht: Abwasser verunreinigt den Boden, Grundwasser überlastet die Kläranlage. Die DIN EN 1610:2015-12 ist die nationale Norm, die regelt, wie diese Prüfungen durchgeführt werden müssen. Sie ist keine Empfehlung - sie ist die Basis für alle zulässigen Verfahren in Deutschland.

Die Verantwortung liegt beim Eigentümer. Selbst wenn die Leitung vor 30 Jahren installiert wurde, müssen Sie nachweisen können, dass sie dicht ist - besonders wenn Sie Ihre Immobilie verkaufen. In Berlin, Hamburg oder München ist das heute Standard. In anderen Regionen noch nicht - aber das ändert sich schnell.

Welche Verfahren gibt es?

Es gibt drei offiziell anerkannte Methoden, um die Dichtheit von Abwasserleitungen zu prüfen. Jede hat Vor- und Nachteile.

  • Verfahren W (Wasser): Die Leitung wird mit Wasser gefüllt, der Druck über 10 bis 30 Minuten gemessen. Wenn der Wasserspiegel nicht merklich sinkt, ist die Leitung dicht. Dieses Verfahren ist präzise - besonders bei Schächten und Inspektionsöffnungen. Aber es ist aufwendig: Sie brauchen große Mengen Wasser, die nach der Prüfung entsorgt werden müssen. Eine Prüfung dauert oft bis zu zwei Stunden.
  • Verfahren L (Luft): Das am häufigsten verwendete Verfahren. Die Leitung wird mit Luft unter Druck gesetzt - meist zwischen 10 und 200 Millibar. Danach wird überprüft, ob der Druck innerhalb von 5 bis 15 Minuten stabil bleibt. Die Prüfung dauert nur 30 bis 60 Minuten. Sie ist günstiger, schneller und erfordert kein Wasser. Aber: Bei alten Betonrohren kann Luft durch winzige Poren diffundieren, was zu falsch-positiven Ergebnissen führt. Das passiert in etwa 15 % der Fälle bei Altbauprüfungen.
  • Optische Prüfung (Kanalkamera): Nach DIN 1986-30 wird eine Kamera in die Leitung gefahren und zeigt Schäden wie Risse, Verschiebungen oder Wurzeleinwüchse. Sie kann keine quantitative Dichtheit messen - aber sie zeigt, wo etwas kaputt ist. Deshalb wird sie oft als Ergänzung zu Luft- oder Wasserprüfung eingesetzt.

Die Wahl des Verfahrens hängt vom Material, dem Durchmesser der Leitung und den örtlichen Vorgaben ab. Für Einfamilienhäuser mit Kunststoffrohren reicht meist die Luftprüfung. Bei alten Betonleitungen oder bei Schächten wird oft die Wasserprüfung verlangt.

Wie läuft eine Prüfung ab?

Eine Dichtheitsprüfung ist kein Heimwerkerprojekt. Sie muss von einem zertifizierten Fachbetrieb durchgeführt werden. Hier ist der Ablauf:

  1. Reinigung: Die Leitung wird mit Hochdruck gespült, um Ablagerungen, Fett und Wurzeln zu entfernen. Nur dann kann die Kamera oder der Prüfdruck korrekt wirken.
  2. Sichtprüfung: Eine Kanalkamera fährt die gesamte Leitung ab und dokumentiert Schäden. Dieser Film wird als Teil des Prüfprotokolls gespeichert.
  3. Absperrung: Dichtkissen (Absperrblasen) werden in der Leitung aufgeblasen, um den zu prüfenden Abschnitt abzugrenzen - meist zwischen zwei Schächten.
  4. Prüfung: Entweder wird Luft eingeblasen oder Wasser eingefüllt. Der Druck wird über einen Messgerät überwacht, das maximal 10 % Abweichung toleriert.
  5. Dokumentation: Der Fachbetrieb erstellt ein Prüfprotokoll mit Datum, verwendeter Methode, Druckwerten, Ergebnis und Unterschrift. Dieses Papier muss Sie als Eigentümer aufbewahren - oft bis zu 10 Jahre.

Für ein Einfamilienhaus mit etwa 20 Metern Leitungslänge dauert die gesamte Prozedur durchschnittlich zwei Stunden. Die eigentliche Messphase dauert nur 20 bis 30 Minuten. Der Rest ist Vorbereitung und Dokumentation.

Querschnitt einer undichten Betonabwasserleitung mit Wurzelbefall und Leckagen.

Wie oft muss geprüft werden?

Es gibt keine bundeseinheitliche Regel. Die Fristen variieren von Bundesland zu Bundesland - und manchmal sogar von Stadt zu Stadt.

Die RAL-GZ 968, eine Qualitätsrichtlinie für Grundstücksentwässerung, empfiehlt eine Prüfung alle 30 Jahre. Aber das ist nur eine Empfehlung - kein Gesetz. In Baden-Württemberg ist bei Neubauten eine Prüfung vor der Inbetriebnahme verpflichtend. In Nordrhein-Westfalen wird nur bei Verdacht auf Leckagen geprüft.

Die wirkliche Verpflichtung entsteht oft beim Verkauf. Seit 2020 verlangen viele Städte, darunter Berlin, einen gültigen Dichtheitsnachweis für den Verkauf von Eigentumswohnungen mit eigenem Abwasseranschluss. In München und Köln ist das bereits Standard. In kleineren Gemeinden noch nicht - aber die Tendenz ist klar: Wer verkaufen will, braucht den Nachweis.

Was passiert, wenn die Leitung undicht ist?

Ein undichtes Abwassersystem ist kein Kleinod. Es kann zu Bodenverunreinigungen führen - und das ist ein Verstoß gegen das Wasserhaushaltsgesetz (WHG). Die Behörden können Sie zur Sanierung zwingen - und die Kosten liegen oft zwischen 5.000 und 20.000 Euro, je nach Länge und Tiefe der Leitung.

Wenn Sie die Prüfung ignorieren und später ein Leck entdeckt wird, können Sie auch haftbar gemacht werden - etwa wenn Grundwasser verunreinigt wird oder Nachbarn Schäden an ihren Fundamenten erleiden. Ein Prüfprotokoll schützt Sie vor solchen Ansprüchen.

Hausbesitzer hält Prüfprotokoll, das das Grundstück vor Umweltschäden schützt.

Was ändert sich in Zukunft?

Die Politik bewegt sich. Der Deutsche Bundestag diskutierte 2022 einen Gesetzentwurf, der vorsieht: Alle privaten Abwasserleitungen, die vor 2030 gebaut wurden, müssen bis dahin einmalig geprüft werden - unabhängig vom Bundesland. Das wäre eine Revolution. Bislang ist es ein Flickwerk aus Kommunalvorschriften.

Gleichzeitig wird die Technik besser. Moderne Prüfgeräte wie der Wöhler M 603 berechnen automatisch, ob der Druckabfall innerhalb der Grenzwerte liegt - basierend auf Rohrmaterial und Durchmesser. Das reduziert menschliche Fehler um bis zu 40 %. Und KI-gestützte Kameras erkennen Schäden selbstständig - etwa Risse, Korrosion oder Verschiebungen - und klassifizieren sie. Experten prognostizieren, dass bis 2027 über 60 % der Prüfungen mit solchen Systemen durchgeführt werden.

Was müssen Sie jetzt tun?

Wenn Ihr Haus vor 1970 gebaut wurde, fragen Sie sich: Wann war die letzte Prüfung? Wenn Sie es nicht wissen, ist es Zeit, nachzusehen. Suchen Sie einen zertifizierten Fachbetrieb - am besten einen, der nach DIN 1986-30 und DIN EN 1610 arbeitet. Lassen Sie sich ein Angebot machen. Die Kosten liegen zwischen 300 und 800 Euro, je nach Länge und Verfahren.

Wenn Sie verkaufen wollen: Holen Sie den Nachweis jetzt ein. Wenn Sie sanieren: Prüfen Sie die Leitungen vor dem Einbau neuer Sanitäranlagen. Und wenn Sie einfach nur sicher sein wollen: Machen Sie die Prüfung - es ist eine der sinnvollsten Investitionen, die Sie in Ihr Haus tätigen können. Nicht nur für die Umwelt. Sondern auch für Ihren eigenen Schutz.

Ist eine Dichtheitsprüfung gesetzlich vorgeschrieben?

Es gibt keine bundesweite Pflicht für bestehende Anlagen. Die Verpflichtung ergibt sich meist aus kommunalen Vorschriften - besonders beim Immobilienverkauf. In Baden-Württemberg ist sie bei Neubauten verpflichtend, in Berlin bei Verkäufen von Eigentumswohnungen. Für bestehende Häuser ist sie nicht automatisch gesetzlich vorgeschrieben, aber immer häufiger eine Voraussetzung für Verkauf oder Sanierung.

Kann ich die Dichtheitsprüfung selbst durchführen?

Nein. Die Prüfung muss von einem zertifizierten Fachbetrieb durchgeführt werden, der über die richtigen Geräte, die erforderliche Ausbildung und die gesetzliche Haftpflichtversicherung verfügt. Nur so ist das Prüfprotokoll rechtsgültig. Selbst wenn Sie die Technik besitzen, fehlt die offizielle Anerkennung - und die Behörden akzeptieren Ihren Nachweis nicht.

Wie lange ist ein Prüfprotokoll gültig?

Es gibt keine gesetzliche Gültigkeitsdauer. Allerdings gilt ein Prüfprotokoll in der Regel als aktuell, wenn es nicht älter als 5 Jahre ist - besonders beim Verkauf. Einige Kommunen akzeptieren nur Protokolle aus den letzten 2 bis 3 Jahren. Wenn Sie das Haus verkaufen, fragen Sie bei der zuständigen Behörde nach, wie alt das Dokument sein darf.

Was kostet eine Dichtheitsprüfung?

Die Kosten liegen zwischen 300 und 800 Euro, abhängig von der Länge der Leitung, dem verwendeten Verfahren und der Region. Luftprüfung ist günstiger als Wasserprüfung. Kamerainspektion wird oft zusätzlich berechnet, aber sie ist fast immer sinnvoll. Einige Betriebe bieten Pakete an, die Reinigung, Kamera und Prüfung zusammen beinhalten - das kann sparen.

Wann ist eine Sanierung nötig?

Wenn die Prüfung ergibt, dass die Leitung undicht ist, muss sie saniert werden - entweder durch Inliner (Rohr-in-Rohr-Verfahren) oder durch komplette Neulegung. Die Entscheidung hängt von der Länge der Schäden, der Tiefe der Leitung und den Kosten ab. Ein Fachbetrieb kann Ihnen eine Kosten-Nutzen-Analyse erstellen. Ignorieren Sie eine Undichtigkeit nicht - die Folgekosten bei Umweltschäden können das Zehnfache betragen.

Antoinette Adam

Antoinette Adam

Ich bin Tischlermeisterin mit eigener Werkstatt in Innsbruck und fertige maßgefertigte Möbel und Innenausbauten. Neben meiner Arbeit schreibe ich gerne über immobilienbezogene Themen aus handwerklicher Perspektive. Ich liebe es, technische Details verständlich zu erklären.

Tischlerei Innentüren Einblick