Deutschland verbraucht immer mehr Wohnfläche - und das, obwohl die Bevölkerung kaum wächst. Jede Person hat heute durchschnittlich 47,7 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Das ist fast ein Drittel mehr als 1990. Doch was viele nicht wissen: Für ein gutes, lebenswertes Zuhause braucht man laut Studien des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) maximal 30 Quadratmeter pro Person. Alles darüber ist nicht Komfort, sondern Verschwendung. Und diese Verschwendung hat einen Preis: für die Umwelt, für die Stadtentwicklung und auch für den Wert Ihrer Immobilie.
Das Umweltbundesamt sagt klar: Erst Suffizienz macht Effizienz sinnvoll. Wenn Sie eine energieeffiziente Heizung in ein zu großes Haus einbauen, sparen Sie zwar Energie pro Quadratmeter - aber insgesamt verbrauchen Sie immer noch viel zu viel. Erst wenn die Fläche passt, lohnen sich Sanierungen, Solaranlagen oder Wärmepumpen wirklich. Suffizienz ist die Grundlage. Effizienz ist der Aufbau.
Ein 30-Quadratmeter-Wohnraum muss nicht klein wirken. Er muss nur gut geplant sein. In Lübeck, Hamburg oder Berlin sehen Sie es täglich: Kleine, aber klug gestaltete Wohnungen mit multifunktionalen Möbeln, offenen Grundrissen und cleverer Lichtführung wirken größer, als sie sind. Eine Küchenzeile mit klappbarem Tisch, ein Schlafbereich unter der Dachschräge, ein Regal, das zugleich Raumteiler ist - das sind keine Luxuslösungen, das sind Standardansätze für zukunftsfähiges Wohnen.
Die ifeu-Studie zeigt: Es geht nicht nur darum, weniger zu bauen, sondern besser zu nutzen. Ein Beispiel: Eine 80-Quadratmeter-Wohnung für eine Familie mit zwei Kindern. Heute wird oft ein separates Kinderzimmer gebaut. Aber was, wenn das Zimmer tagsüber als Spiel- und Lernraum dient und abends als Schlafplatz für einen Elternteil? Oder wenn ein Großelternteil, der nicht mehr so viel Platz braucht, in eine kleinere Wohnung zieht - und die Kinder das größere Zuhause bekommen? Das ist keine Verkleinerung. Das ist Umverteilung. Und das ist Suffizienz.
Ein Mythos hält sich hartnäckig: Größer = wertvoller. Das stimmt nicht mehr. In Städten mit Wohnungsnot, wie Berlin, München oder auch Lübeck, ist die Nachfrage nicht nach großen Wohnungen, sondern nach passenden Wohnungen. Eine 60-Quadratmeter-Wohnung für Singles oder Paare ist heute begehrter als eine 120-Quadratmeter-Wohnung, die niemand mehr braucht. Warum? Weil sie günstiger zu heizen ist, leichter zu pflegen und schneller vermietbar bleibt.
Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat das erkannt. In ihrem Zertifizierungssystem für Gebäude (2023) und dem Zukunftsprojekt 2030 wird Suffizienz explizit als Kriterium aufgenommen. Gebäude, die mit weniger Fläche auskommen, aber hohe Flexibilität und Umnutzungsfähigkeit bieten, erhalten höhere Bewertungen. Das bedeutet: Wer heute eine 80-Quadratmeter-Wohnung in einem Altbau saniert und smart aufteilt, hat in 10 Jahren einen höheren Marktwert als jemand, der eine 150-Quadratmeter-Wohnung mit teuren, aber unnötigen Ausstattungen modernisiert hat.
Der Erhalt bestehender Gebäude - statt Neubau - ist ein zentraler Teil der Suffizienzstrategie. Ein Altbau aus den 1950er-Jahren, der umgebaut und aufgeteilt wird, verbraucht weniger Rohstoffe, produziert weniger CO₂ und bleibt wertvoller, als ein Neubau mit 50 Quadratmetern mehr Fläche als nötig.
Die größte Herausforderung ist nicht der Platz, sondern die Verteilung. In Deutschland gibt es mehr als 1,5 Millionen leerstehende Wohnungen - und gleichzeitig Menschen, die keinen bezahlbaren Wohnraum finden. Das ist kein Mangel an Fläche, das ist ein Mangel an Verteilung.
Gemeinschaftliche Wohnprojekte zeigen, wie es geht: Eine ehemalige Schule in Lübeck wurde in 12 kleine Wohnungen umgewandelt - mit gemeinsam genutzter Küche, Waschküche und Garten. Jede Wohnung hat 35 Quadratmeter, aber durch die gemeinsamen Räume fühlt sich der Wohnraum größer an. Ältere Menschen ziehen aus ihren großen Häusern aus, junge Familien ziehen ein. Die Fläche bleibt gleich - aber die Nutzung wird effizienter. Die KEA-BW nennt das „Substitution“: Statt jedem eine eigene große Wohnung zu geben, teilen sich mehrere Menschen Räume, die sie nicht ständig brauchen.
Diese Modelle sind kein Nischenphänomen. In Hamburg gibt es über 300 solcher Projekte. In Kiel und Bremen entstehen neue. Und sie sind nicht nur ökologisch, sondern auch sozial stärker: Nachbarschaft, Austausch, Unterstützung - das alles entsteht, wenn Menschen gemeinsam wohnen.
Die Bundesregierung will jährlich 400.000 neue Wohnungen bauen. Das klingt gut - bis man weiß, dass viele davon zu groß sind. Ein Neubau mit 120 Quadratmetern für ein Paar ohne Kinder ist kein Beitrag zur Lösung, sondern zur Verschärfung des Problems. Das BBSR sagt klar: Es geht nicht um die Anzahl der Wohnungen, sondern um die Passgenauigkeit.
Die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) hat begonnen, auch Suffizienz zu fördern - aber nur zögerlich. Wer eine Wohnung aufteilt, um sie an zwei Haushalte zu vermieten, bekommt Förderung. Wer ein großes Haus in zwei kleinere umwandelt, bekommt Förderung. Wer aber einfach eine neue, große Wohnung baut, bekommt sie auch - ohne Rücksicht auf den tatsächlichen Bedarf.
Kommunen müssen jetzt handeln. Leerstands- und Nachverdichtungskataster müssen verpflichtend genutzt werden. Statt neue Baugebiete auszuweisen, sollte die Stadtplanung fragen: Wo kann man bestehende Gebäude teilen? Wo kann man Dachgeschosse aufstocken? Wo gibt es ungenutzte Gewerberäume, die in Wohnraum umgewandelt werden können? Das ist die Zukunft - nicht mehr Beton auf grünen Flächen.
Sie brauchen nicht auf eine große Wohnung zu warten. Sie können heute schon suffizient wohnen:
Es geht nicht darum, weniger zu haben. Es geht darum, besser zu nutzen. Die Wohnung, die Ihnen wirklich passt, ist nicht die größte - sondern die, die zu Ihrem Leben passt.
In zehn Jahren wird der Immobilienmarkt anders aussehen. Gebäude, die viel Fläche verbrauchen, aber wenig Flexibilität bieten, werden schwerer zu verkaufen oder zu vermieten sein. Banken werden sie als Risiko einstufen. Versicherungen werden höhere Prämien verlangen. Die DGNB-Zertifizierung wird zum Standard. Wer heute in Suffizienz investiert, sichert sich nicht nur die Umwelt - sondern auch den Wert seiner Immobilie.
Die ifeu-Studie sagt es klar: Die Zukunft gehört nicht den größten Wohnungen, sondern den intelligentesten. Wer Räume teilt, nutzt sie länger, baut sie um, macht sie flexibel - der gewinnt. Und wer jetzt denkt, er brauche mehr Platz, um zukunftssicher zu sein, irrt. Die Zukunft braucht weniger Fläche - aber mehr Verstand.
Suffizienz im Wohnen bedeutet, nur so viel Fläche zu nutzen, wie wirklich nötig ist, um ein gutes Leben zu führen - ohne Ressourcen zu verschwenden. Es geht nicht um Verzicht, sondern um das richtige Maß. Das Umweltbundesamt definiert es als das Gleichgewicht zwischen Bedürfnisbefriedigung und ökologischer Belastbarkeit. In der Praxis heißt das: Wohnungen von durchschnittlich 47,7 m² pro Person auf 30 m² reduzieren, ohne Komfort zu opfern.
Nein. In Städten mit Wohnungsnot sind kleinere, gut geplante Wohnungen begehrter. Sie sind günstiger zu heizen, schneller vermietbar und haben eine höhere Umnutzungsfähigkeit. Die DGNB bewertet Gebäude mit optimierter Flächennutzung höher. Wer heute eine 60 m²-Wohnung smart nutzt, hat in 10 Jahren einen höheren Marktwert als jemand mit einer 120 m²-Wohnung, die niemand mehr braucht.
Als Mieter können Sie mit Ihrem Lebensstil beginnen: Nutzen Sie gemeinsame Räume, wenn Sie in einer WG leben. Verzichten Sie auf unnötige Möbel und nutzen Sie multifunktionale Lösungen. Wenn Sie eine zu große Wohnung haben, fragen Sie Ihren Vermieter, ob ein Zimmer als kleine Wohnung vermietet werden kann - das bringt Ihnen Einkommen und reduziert den Gesamtverbrauch. Auch das ist Suffizienz.
Die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) fördert mittlerweile auch Umbauten und Aufteilungen, aber noch nicht systematisch. Der Fokus liegt weiterhin auf Neubau und Effizienz. Doch das BBSR zeigt: Ohne Suffizienz sind Effizienzmaßnahmen ineffektiv. Die Politik muss jetzt klären, wo wirklich Wohnraum benötigt wird - und wo bestehende Gebäude umgenutzt werden können.
Nein. Suffizienz ist eine wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit. In Zeiten von steigenden Zinsen, Energiepreisen und Wohnungsnot ist es klug, nur so viel Fläche zu nutzen, wie man braucht. Es geht nicht um Ideologie, sondern um Vernunft. Wer heute eine kleinere, gut geplante Wohnung wählt, spart Geld, reduziert seine CO₂-Bilanz und bleibt wettbewerbsfähig - egal ob Öko oder nicht.