Hand aufs Herz: Beim ersten Termin in einem potenziellen neuen Zuhause lassen wir uns oft von der schönen Küche, dem Lichtspiel im Wohnzimmer oder der tollen Lage blenden. Wir schauen auf die Optik, nicht auf die Substanz. Doch wer nur einmal kurz durch die Räume spaziert, geht ein riesiges Risiko ein. Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Immobilienwirtschaft zeigt, dass fast 68 % der Käufer später von unerwarteten Sanierungskosten überrascht werden, weil sie das Objekt nicht gründlich genug geprüft haben. Damit Ihnen das nicht passiert, ist eine Zweitbesichtigung Immobilie absolut unverzichtbar.
Während es beim ersten Mal um das Gefühl und die Umgebung ging, geht es jetzt ans Eingemachte. Sie prüfen nicht mehr, ob Ihnen das Haus gefällt, sondern ob es technisch gesund ist. Planen Sie für diesen Termin mindestens zwei Stunden ein. Wenn Sie das Gefühl haben, der Verkäufer drängt Sie zu einer schnellen Entscheidung, ist das ein Warnsignal. Ein seriöser Eigentümer lässt Sie in Ruhe prüfen, was Sie in Zukunft bewohnen wollen.
Gehen Sie nicht alleine los. Sie sind vielleicht ein Experte in Ihrem Job, aber kaum jemand kann auf den ersten Blick sehen, ob die Dachbalken morsch sind oder die Elektroinstallation aus den 60ern stammt. Nehmen Sie einen Fachmann mit. Das kann ein zertifizierter Gutachter sein oder ein erfahrener Handwerker, der sich mit Sanitär- und Heiztechnik auskennt. Die Kosten für so eine Begleitung liegen meist zwischen 200 und 500 Euro. Das klingt im ersten Moment nach einer Ausgabe, ist aber in Wahrheit eine Versicherung gegen Fehlkäufe in fünfstelliger Höhe.
Ein kleiner Psychologie-Trick für den Termin: Wählen Sie einen anderen Wochentag und eine andere Uhrzeit als beim ersten Besuch. Wenn Sie beim ersten Mal am Dienstagabend da waren, kommen Sie jetzt an einem Sonntagmittag. So bemerken Sie vielleicht, dass die Nachbarschaft plötzlich extrem laut wird oder die Sonne in einem Winkel einfällt, der die Räume unangenehm aufheizt.
Jetzt wird es systematisch. Gehen Sie Raum für Raum durch und testen Sie wirklich alles. Es reicht nicht, wenn der Makler sagt: „Das funktioniert alles“. Prüfen Sie es selbst.
Starten Sie mit der Elektrik und den Anschlüssen. Schalten Sie jeden einzelnen Lichtschalter ein und aus. Testen Sie alle Steckdosen. Prüfen Sie, ob die Rollläden flüssig laufen und ob die elektrische Steuerung wirklich reagiert. Ein besonderer Blick gilt den Stromleitungen - sind diese noch dreiadrig oder gibt es veraltete Installationen, die im Zuge einer Modernisierung ohnehin ersetzt werden müssen?
Weiter geht es zum Wasser. Drehen Sie alle Wasserarmaturen auf. Fließt das Wasser gleichmäßig? Wie schnell läuft das Waschbecken ab? Achten Sie auf Feuchtigkeitsflecken an den Wänden, besonders in den Ecken oder hinter Schränken. Das ist oft das erste Anzeichen für Schimmel oder eine defekte Leitung.
| Bereich | Prüfpunkt | Warnsignal (Red Flag) | Aktion |
|---|---|---|---|
| Fenster & Türen | Dichtungen & Rahmen | Zugluft, verzogene Rahmen | Papierstreifen-Test an Rahmen |
| Heizung | Alter & Typ | Über 20 Jahre alt, Rost an Kesseln | Rechnung/Wartungsprotokoll prüfen |
| Keller/Dach | Bausubstanz | Salzausblühungen, dunkle Flecken | Mit starker Taschenlampe prüfen |
| Elektrik | Sicherungskasten | Alte Schraubsicherungen | Elektriker zur Einschätzung holen |
Die meisten Menschen verbringen 90 % ihrer Zeit in der Zweitbesichtigung in den Wohnräumen. Das ist ein Fehler. Die wirklich teuren Probleme verstecken sich dort, wo es dunkel und ungemütlich ist. Gehen Sie unbedingt in den Keller und auf den Dachboden. Nehmen Sie eine leistungsstarke Taschenlampe mit.
Im Keller suchen Sie nach Feuchtigkeit. Riecht es muffig? Gibt es weiße Ablagerungen an den Wänden? Das könnten Salzausblühungen sein, die auf aufsteigende Feuchtigkeit hindeuten. Auf dem Dachboden prüfen Sie die Balken auf Risse oder dunkle Verfärbungen, die auf einen Wassereintritt durch defekte Ziegel hinweisen könnten. Auch die Garage sollte genau unter die Lupe genommen werden: Gibt es Risse im Betonboden oder Feuchtigkeit an den Wänden?
Im Garten schauen Sie nicht nur auf die Blumen. Prüfen Sie den Zustand der Zäune und ob es Anzeichen für Setzungsrisse am Hausfundament gibt. Kleine Risse im Putz sind oft normal, aber tiefe, diagonale Risse sollten Sie sofort einem Experten zeigen.
Eine Besichtigung ohne Dokumente ist wie Autofahren ohne Spiegel - man sieht nicht, was hinter einem liegt. Bevor Sie den zweiten Termin wahrnehmen, sollten Sie folgende Unterlagen vom Verkäufer angefordert haben:
Wenn der Verkäufer bei diesen Unterlagen zögert, sollten Sie hellhörig werden. Transparenz ist bei einem Immobilienkauf die wichtigste Währung. Wenn die Dokumente vorliegen, können Sie während des Termins gezielte Fragen stellen, statt nur vage Vermutungen anzustellen.
Nutzen Sie die Zeit, um dem Verkäufer oder Makler gezielt Fragen zu stellen. Schreiben Sie sich diese vorher auf einer Liste, damit Sie in der Aufregung nichts vergessen. Vermeiden Sie Ja/Nein-Fragen und setzen Sie auf offene Fragen.
Fragen Sie zum Beispiel nicht: „Ist die Heizung okay?“, sondern: „Wann wurde die Heizung zuletzt gewartet und welche Probleme gab es in der Vergangenheit?“ oder „Warum wird die Immobilie eigentlich verkauft?“. Die Antwort auf letzteres verrät oft viel über die Eile des Verkäufers oder mögliche Probleme mit der Nachbarschaft.
Ein weiterer wichtiger Punkt sind die geplanten Bauvorhaben in der Umgebung. Fragen Sie: „Wissen Sie von neuen Projekten in der Nachbarschaft, die Ihre Aussicht oder den Lärmpegel verändern könnten?“. Manchmal erfährt man so von einem geplanten Gewerbegebiet oder einer neuen Straße, die im Grundbuch noch nicht steht, aber bereits im Gemeinderat besprochen wurde.
Im Durchschnitt sollten Sie mindestens zwei Stunden einplanen. In dieser Zeit müssen Sie nicht nur die Räume prüfen, sondern auch technische Anlagen wie Heizung, Elektro und die Bausubstanz im Keller und auf dem Dach detailliert untersuchen.
Eine starke Taschenlampe ist Pflicht für dunkle Ecken. Viele Profis nehmen zudem einen Spannungsprüfer für Steckdosen, einen Laser-Entfernungsmesser für die Raummaße und Schreibmaterial für Notizen mit.
Es ist kein Gesetz, aber eine starke Empfehlung. Ein Gutachter erkennt Mängel, die für Laien unsichtbar sind (z. B. Feuchtigkeit im Mauerwerk oder veraltete Elektrik). Die Kosten von 200-500 Euro sind minimal im Vergleich zu einer Fehlkauf-Sanierung, die Zehntausende Euro kosten kann.
Prüfen Sie auf doppelte oder dreifache Verglasung, ob die Rahmen verzogen sind und ob die Dichtungen noch elastisch sind. Ein einfacher Test ist das Legen eines Papierstreifens in den Rahmen: Wenn Sie das Fenster schließen und das Papier leicht herausziehen können, ist die Dichtung nicht mehr optimal.
Zwei bis drei Termine sind völlig normal. Wenn Sie jedoch einen vierten oder fünften Termin benötigen, sollten Sie kritisch hinterfragen, ob Sie wirklich eine Entscheidung treffen können oder ob Sie nur Ihre Unsicherheit hinauszögern.
Wenn Sie die Zweitbesichtigung hinter sich haben, sollten Sie nicht sofort den Vertrag unterschreiben. Gehen Sie in Ihre Runde. Vergleichen Sie die gefundenen Mängel mit Ihrem Budget. Rechnen Sie die geschätzten Sanierungskosten (die Ihnen Ihr Handwerker oder Gutachter genannt hat) vom Kaufpreis ab. Nur so sehen Sie den tatsächlichen Marktwert der Immobilie.
Wenn alles passt und Ihr Bauchgefühl grünes Licht gibt, ist der nächste Schritt die finale Finanzierungszusage Ihrer Bank. Viele Verkäufer schätzen es sehr, wenn Sie bereits ein Finanzierungszertifikat vorlegen können - das zeigt, dass Sie ein ernsthafter Käufer mit der nötigen Kaufkraft sind. Erst wenn die Technik stimmt, die Dokumente passen und die Finanzierung steht, ist der Zeitpunkt für die Unterschrift beim Notar gekommen.
Was für ein fantastischer Leitfaden!!! Man spürt förmlich, wie hier mit Liebe zum Detail gearbeitet wurde, um uns vor bösen Überraschungen zu bewahren!!! Einfach goldwert für jeden angehenden Hausbesitzer!!!
Ein Gutachter ist in der heutigen Zeit oft reine Geldverschwendung, da die meisten Standardmängel ohnehin durch eine einfache Google-Suche oder ein bisschen gesundes Misstrauen erkannt werden können.
Amateure eben
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